(39.) Säuberung

Pünktlich um Null Uhr trat das neue Gesetz in Kraft. Was kaum einer ahnte, die Ahnungslosen sind immer in der Überzahl, es sollte die Weltbevölkerung um fast die Hälfte reduzieren. Der Herrscher der Welt, nennen wir ihn Big Brother, George Orwell wird uns die Ausleihe nicht übel nehmen, ließ Mobilphones, Smartphones + den übrigen elektronischen Plunder verbieten. Die Menschheit sollte sich wieder auf das Wesentliche konzentrieren, statt sich dem Firlefanz hinzugeben.
Verbale Kommunikation heißt ab sofort das erste Gebot einer neuen Ordnung ….

In Peking griff Mai Li wie jeden Morgen zum Mobil, um mit ihren Freundinnen zu tratschen. Tot! Hilflos stand die kleine Chinesin in ihrem Zimmerchen, die Tränen liefen die prallen Backen herunter ….

In Bangkok wollte Ning die heißen Bilder der letzten Partynacht in Facebook stellen. Nix Facebook! Tot! Das Gefühl der Einsamkeit kroch wie eine kalte Hand ihren hübschen Körper hoch … gestern noch ein paar tausend Freunde weltweit, plötzlich ganz allein …

In Berlin Ausnahmezustand in der U 2. Die Leute nervös, fahrige Bewegungen, fuchteln sinnlos mit den Händen in der Gegend herum, bohren sinnlos in der Nase .. Erste Pöbeleien, Schlägereien….., der Frust muss raus

In Moskau hämmerte Iwan vergeblich auf sein Phone ein. Dawai, Dawai. Nichts ging. Tot! Der Mafiaboss wollte vor dem Frühstück zwei Morde in Auftrag geben … Verräter, es sollte als Unfall getarnt werden …er pfefferte das teure Gerät wütend gegen die Wand …. muss man jetzt wieder alles selbst erledigen? Wo ist die verdammte Knarre?

In Washington wollte ein Hacker frohen Mutes sein Tagwerk verrichten. Mitnichten. Tot! … als pragmatischer Mensch kapierte er sofort, dass er in diesem Moment wie viele andere arbeitslos war. Orangen pflücken in Devil County wäre eine Alternative …..

So ging es Millionen, nein Milliarden Kreaturen. Für diese war das Leben nicht mehr lebenswert. Massen – Selbstmorde weltweit, gerade die jüngeren Generationen waren betroffen …

In seiner Hochsicherheits – Villa (auf neuesten technischen Stand) saß Big Brother und grinste diabolisch. War er nicht
cleverer und raffinierter, als alle seine Vorgänger gewesen. Niemand konnte ihn auf eine Stufe mit Massenmördern wie Nero, Dschingis Khan, Hitler, Stalin, Pol Pot + + + + + stellen. Keine Verhaftungen, Urteile, Folter, Erschießungen oder rollende Köpfe!
Nein, eine Gesetzesänderung, ein einziger Federstrich, hatte ausgereicht, dass die Bevölkerung des Planeten sich fast um die Hälfte eliminierte …..
er freute sich wie ein kleiner Junge, es sollte der Beginn einer neuen Weltordnung werden …..

(nächste Geschichte „Das Verhör“ demnächst in diesem Theater)

(38.) Orientierungslos

Um die Wahrheit zu sagen, Tabitha war hässlich wie die Nacht. Sie gehörte zu den Frauen, die sich von der Natur betrogen fühlen, und bei denen bestimmte Männer an Theken davon schwadronieren, ihr beim Sex unbedingt eine Zeitung über das Gesicht legen zu müssen. Nicht nur das Tabitha schon unansehnlich geboren wurde, es ist überliefert, dass die Hebamme bei ihrem Anblick erschrocken das Baby vom Wickeltisch und auf den Kopf fallen ließ. Später verunstaltete ein schwerer Auffahrunfall das Gesicht noch mehr. Die Sehfähigkeit war seit diesem Tag stark begrenzt, nur zu wenigen Prozent auf das rechte Auge beschränkt. Das linke war aus Glas. In Anbetracht ihres stark ausgeprägten Sexualtriebes, der Arzt sprach von Nymphomanie, stellte diese Hässlichkeit ein gewisses Problem dar. Sie war es irgendwann leid gewesen, sich in heruntergekommenen Kneipen und Bars von betrunkenen, zu gekifften Kerlen abschleppen zu lassen, um dann am nächsten Tag ein entsetztes „Oh Gott, wie siehst du denn aus“ oder „ arbeitest du in der Geisterbahn?“ zu hören. Um ihre Lust zu stillen, ohne sich anschließend jedes Mal beleidigen zu lassen, suchte sie seit einiger Zeit zwei bis drei Mal in der Woche einen gewissen Klub in der nächst gelegenen Großstadt auf. Dessen Attraktion war der sogenannte Darkroom. Hier traf sich eine bestimmte Klientel von wenig bekleideten Männern und Frauen, die nur das Eine wollten …… und dabei inkognito zu bleiben.
Da Tabitha nur über ein Sehvermögen von weniger als zehn Prozent verfügte, machte ihr die Finsternis in dieser Lasterhöhle nichts aus, im Gegenteil, Tast und Geruchssinn waren um so mehr ausgeprägt und so kam sie hier richtig auf ihre Kosten. Die Redensart hässlich wie die Nacht erfuhr in diesem Zusammenhang auch eine völlig neue Bedeutung.
Aber eine bestimmte Nacht veränderte dann alles. Einer ihrer zufälligen Liebhaber, wenn dieser Begriff überhaupt zulässig ist, erwies sich leider bei seinen nervösen Versuchen ihr näher zu kommen, dermaßen ungeschickt, dass es Tabitha beinahe das Leben gekostet hätte. Sie wurde mit Hirnblutung ins Krankenhaus transportiert und nur durch eine Notoperation gerettet.
Selbst der sonst so abgebrühte Chirurg in der Unfallaufnahme war geschockt. So etwas wäre ihm in seiner Zeit als Mediziner noch nie vorgekommen und er gab später kopfschüttelnd zu Protokoll, dass er das Glasauge nur mit größter Mühe aus der hinteren Augenhöhle herausoperieren konnte. Ja, es hätte schon fast im Vorderhirn gesessen. Unglaublich, sagte der Doktor, aber der Verursacher hätte sich wohl beim Versuch oralen Sex zu praktizieren völlig verfahren und wäre stattdessen in der Augenhöhle gelandet.
Und so etwas in Zeiten von Navigationssystemen ……….

(nächste Geschichte „Säuberung“ demnächst in diesem Theater)

(37.) Das Kruzifix

Der Greis kann seine düsteren Gedanken nicht ertragen, geschweige kontrollieren. Vor allem, wenn sein stumpfer Blick auf das Kruzifix an der weiß getünchten Zellenwand fällt, dass in der Nachmittagssonne golden schimmert und ihn höhnisch anzublinzeln scheint. Wenn er dann wider Willen auf sein Leben zurückblickt, steht dieses immer im Schatten von Pater Melchior. Dieser groß gewachsene, wunderbare, widerwärtige, verdorbene, fromme, heuchlerische, geile Mensch, der ihm vor neun Jahrzehnten – inzwischen konnte er es sich eingestehen, sein Leben für alle Zeit zur Hölle gemacht hatte. Oh, er versuchte, die Bürde der Sünde zu ertragen, Gott um Vergebung angefleht, sich kasteit, die Knie blutig gerutscht, gebeichtet. Alles vergeblich. Er hatte heimlich das vermaledeite Kruzifix in die stinkende Kloake hinter der Klostermauer geworfen; einer der Tagesschüler hatte es bei Verrichtung seiner Notdurft entdeckt, herausgefischt, gesäubert und zurückgebracht.
In den vergangenen zehn Jahren verließ der alte Mönch nie mehr das Kloster, selten seine Zelle. Er wusste nicht, dass man das Jahr 1519 schrieb, dass ein gewisser Martin Luther seine 93 Thesen in Wittenberg an die Kirchenpforte genagelt hatte, dass Papst Julius in Rom den Peterspfennig zum Bau eines neuen Doms erhob und Karl der Fünfte zum Kaiser gekrönt worden war. Seine kargen Mahlzeiten wurden ihm stets von sprachlosen Novizen gebracht; früher hatte ihn gelegentlich der Abt zum gemeinsamen Gebet besucht. Doch seit diesem denkwürdigen Abend vor zehn Jahren, als der Ordensvorsteher mit hochrotem Kopf aus seiner Zelle gestürmt war, war es um den Eremiten noch einsamer geworden.
Er hätte aus dem Kelch der Erkenntnis getrunken und hatte dem überraschten Klostervorsteher zu verstehen gegeben, dass sie alle einem großen Irrtum erlegen seien. Er hätte beinahe hundert Jahre in diesem Kloster verbracht, um sein Leben dem allmächtigen Gott zu widmen. Heute wüsste er, welcher Vergeudung, Sinnlosigkeit und Abartigkeit sie allesamt aufgesessen waren. Alles auf Lug und Trug aufgebaut, selbst die eigene Existenz. Der Vater war Mönch, die Mutter Nonne, aber diese ungeheuerliche Wahrheit hatte er erst spät erfahren, als es um sein Seelenheil längst geschehen war. Nein, auch die Existenz des Klosters würde auf tönernen Füssen ruhen, die Menschen hätten sich ihre Religionen und Glauben geschaffen, um sich und andere zu belügen; sie würden niemals akzeptieren, Opfer von wahnsinnigen Verirrungen und nichts weiter als eine Laune der Natur zu sein. Wir kommen aus dem Nichts und verschwinden im Nichts. Es gibt keinen Gott! Es gibt kein Himmel und keine Hölle! Und kein Leben nach dem Tod! Basta!
Seit jenem Abend im Frühling verspürte er nie mehr das Bedürfnis, zu beten. Stattdessen hatte er auf dem Hocker sitzend oder auf der Pritsche liegend darüber philosophiert, wie sein Leben wohl ohne diesen religiösen Wahnsinn verlaufen wäre. Er war es zufrieden, diesem Irrgarten von Einbildung und Manipulation entkommen zu sein. Wenn da nicht die Frage der Schuld gewesen wäre, die auch der Grund dafür gewesen war, das Kloster nicht vorzeitig verlassen zu haben.

Es war im vierzehnten Lebensjahr gewesen, als Pater Melchior begann, ihn nachts immer öfter in seine Zelle zu holen, um an dem Jungen seine Lust zu befriedigen. Die unkeuschen Spielchen hatten einige Jahre zuvor mit zufälligen Zärtlichkeiten und Liebkosungen begonnen, bis die Flügel der Begierde den Mönch übermannten. Auch in jener folgenschweren Nacht hatte der verzweifelte Knabe den Pater angefleht, geweint, gebettelt. Es nützte nichts, der geile Pater hatte die Kutte über die Hüften geschoben, sich auf die Pritsche gekniet und den Jungen barsch aufgefordert, ihm sein Schwertchen von hinten in den Podex zu stecken. Beim Anblick dieses widerlich behaarten, rötlichen Hinterteils, ähnlich dem Arsch eines Pavians, war ihm erst schwarz vor Augen geworden. Er hatte es für einen Wink der Vorsehung gehalten, dass sein Blick plötzlich auf das funkelndes Kruzifix auf dem Schreibpult gefallen war. Seine rechte Hand war langsam wie eine Schlange auf der Jagd nach Beute über die hölzerne Oberfläche gekrochen, bis die Finger sich um das Kreuz aus massivem Gold klammerten… …………

Nach dem ersten Geläut zum Morgengebet, die Sonne war noch nicht aufgegangen, war Pater Melchiors Leiche in seiner Zelle von einem Novizen entdeckt worden. Er lag mit dem nackten Hinterteil in einer getrockneten Blutlache ………..

(nächste Geschichte „Orientierungslos“ demnächst in diesem Theater)

(36.) Stromausfall

McBrain eilte mit gewichtiger Miene durch die Gänge des State Prisons. Dutzende Stahl und Gittertüren öffneten sich und schlossen krachend bis er die Abteilung der ganz schweren Jungs erreichte. Dort, wo sich die Todeszellen befanden. Der neue Gefängnisgeistliche blieb vor der Zelle 1 A stehen, holte zwei Mal tief Luft, folgte dem Wärter hinein. Der Deliquent saß auf einem Stuhl, löste routiniert ein Kreuzworträtsel und würdigte den Besucher anscheinend keines Blickes.
„ Ich brauche sie nicht!“
McBrain schickte den Wärter hinaus.
„ Wann?“
„ In zwei Tagen“.
„ Gut“.
„ Wenn sie mit mir reden wollen …..“
„ Warum?“
„ In zwei Tagen werden sie auf dem Elektrischen Stuhl sterben …“
„ Fluss in Peru mit drei Buchstaben?“
„ Äh, hm, hm, weiß ich nicht.“
„ Sie tun mir leid, Padre.“
„Warum?“
„ Ene!“
„ Bitte?“
„Der Fluss in Peru …“
„Oh. Interessant.“
„Ja, fünf Jahre in der Todeszelle sind wie Bildungsurlaub auf Staatskosten. Aber, ….. ich hab‘ s bald hinter mir. Sie haben den ganzen Scheiß noch vor sich.“
„ Sie sind katholisch. Möchten sie beichten?“
Gekicher.
„ Ich bin so katholisch wie Buddha und Mohammed. Sie fingen gerade an, mir sympathisch zu werden, mein Junge. Doch jetzt verschwinden sie besser.“

Irgendwie mache ich alles verkehrt, dachte McBrain. Zu seiner Entschuldigung sei gesagt, es war das erste Mal, dass er einem zum Tode Verurteilten Auge in Auge gegenüber saß.

Schweigen. Nur das Tropfen des Wasserhahns stört die Stille.

Schweiß. McBrain nestelte am steifen Kragen. Er begann zu schwitzen wie ein Schwein.

Ratlosigkeit. McBrain fehlen die Worte. Trost spenden? Hilfe?

„ Tun sie mir noch einen Gefallen, Padre?“

„ Wenn ich kann ..“

„ Besorgen sie mir Morphium. Sagen wir zehn Pillen, um auf Nummer Sicher zu gehen.“
„Bitte?“
„ Hören sie, Padre. Ich habe fünf Jahre darauf gewartet, endlich hingerichtet zu werden. Das Leben ist sinnlos. Egal, ob im Gefängnis oder sonst wo. Und ich habe einfach keine Lust auf den Elektrischen Stuhl. Als Kind habe ich einmal in eine Tischlampe gefasst und bekam einen heftigen Stromschlag. Den spüre ich heute noch. Ich habe Anträge geschrieben, Fallbeil, Erschießen, Giftspritze, bitte! Abgelehnt! Kurz gesagt, am liebsten hätte ich eine fette Heroinspritze, um adios zu sagen, aber eine Überdosis Morphium wäre auch eine gute Lösung. Ist doch kein Problem für sie, ein Dutzend Pillen mit zubringen oder?“

Dem guten Padre, er war etwas dicklich, fielen die hässlichen Glubschaugen fast aus den Augenhöhlen, ob dieses absurden Ansinnens, … hm, im Priesterseminar waren solche Themen nicht erörtert worden.
„ Äh, hm. Hm. Sie wollen sich selbst umbringen, bevor …“
„ Kluger Kerl! …., verdammt Padre, sie sehen jetzt aus, als würde ihr Mister Jesus gerade am Kreuz hängend einen fetten Joint rauchen …
Und ich sehe schon die fetten Schlagzeilen vor mir:

Suizid aus Angst vor dem Tod!

Grölendes Gelächter!

Oh Gott steh mir bei …, stöhnte McBrain, dieser absurde Kerl hat doch keine Kette am Anker, und er dachte, dass eine kleine Gemeinde im Mittleren Westen mit Sonntagspredigten, Beerdigungen, Hochzeiten und Taufen vielleicht doch die bessere Lösung gewesen wäre…. ?

„Tut mir leid“, stammelte er, „ ich kann und darf das nicht tun.“

Zwei Tage später wurde der Massenmörder im Morgengrauen auf dem Elektrischen Stuhl fest gezurrt und verkabelt. Sein letzter Wunsch war es gewesen, am Nachmittag hingerichtet zu werden.  (morgens sei er immer so unausgeschlafen und schlecht gelaunt).

Als der zuständige Wärter den Hebel entschlossen herunter drückte, flackerte ein Mal kurz das Licht, dann wurde es stockfinster. Kurzschluss!

„ Halleluja!“

Im Licht der Taschenlampen sah man einen grinsenden Todeskandidaten auf dem Stuhl sitzen, sich süffisant beschwerend, ob sie Anwesenden denn allesamt zu blöde seien, ein Urteil zu vollstrecken?
„ Oder habt ihr noch irgendwo eine verstaubte Guillotine im Keller herumliegen?“
McBrain, der engagierte, aber von der Situation völlig überforderte Gefängnisgeistliche, dachte bekümmert darüber nach, dass eine Schachtel Morphium oder eine Heroinspritze doch für alle Beteiligten die pragmatischere Lösung gewesen wäre …..

(nächste Geschichte „ Kruzifix“ demnächst in diesem Theater)

(35.) Rasiert

Für Melanie sind Blind Dates Routine. Es folgen gelegentliche Treffs. Drei, vier Wochen lang. Dann haben die Liebhaber ihre Schuldigkeit getan. Dann braucht sie ein neues Spiel, neues Abenteuer.
Melanie starrt aus dem Seitenfenster des Taxis. Es regnet seit Tagen. „Hoffentlich komme ich halbwegs trocken in die Bar“, denkt sie und fährt sich mit der Hand durchs mittel blonde Haar. Wenn er nur halbwegs so nett ist, wie am Telefon. Und ausdauernd muss er sein. Sie hört die neidische Stimme ihrer Freundin Gabi. „Einen großen Schwanz muss er doch nur haben, ich glaube du bis nymphoman!“. Quatsch, zweimal die Woche ein paar Stunden guten hemmungslosen Sex. Das ist alles. Gabi möchte doch auch mal, traut sich nicht. Die hockt in ihrem noblen Angeberhaus, Verzeihung, in ihrem Schlösschen und geht aus Langeweile mit der Kreditkarte shoppen. Dabei möchte sie am liebsten aus ihrem Ehealltag ausbrechen. Ich liebe meinen Mann wenigstens, sinniert Melanie. Dass wir nach 15 Jahren selten oder gar keinen Sex haben ist doch beinahe normal.

Das Taxi bremst mit quietschenden Reifen vor einer Bar. Die bunte Neonreklame spiegelt sich in den Pfützen, erhellt für Sekunden das Innere des Wagens. Melanie hastet zum Eingang.
Platzregen! Zu spät. Egal. Zum Glück ist die Toilette gleich rechts vom Eingang. Fünf Minuten restaurieren. Melanie schaut zufrieden in den Spiegel. Sieht eine hübsche attraktive Frau. Schmales Gesicht, voller Mund. Ihre hungrigen Augen erkennt sie nicht
.
Die Bar ist kaum besucht. Zu früh. Melanie steuert den Tresen an. Ein schwarzhaariger mittelgroßer Mann, Typ Latino Lover, erhebt sich, kommt ihr einige Schritte entgegen. „Melanie?“ Sie nickt. „Guten Abend. Ich bin Mark!“
Er führt sie an einen kleinen Tisch in einer separaten Nische. Sie setzen sich. Mustern sich ganz offen. „Prüfung bestanden“, fragt er lächelnd. Melanie nickt. Der Typ ist eine Offenbarung, wenigstens äußerlich. Dieser Knackarsch ist unglaublich. Sie trinken Wein, plaudern entspannt. Dann sagt Melanie: “Wir wissen ja beide warum wir hier sind. Ich habe noch zwei Bedingungen“.
„Oh. Und?
„Schön. Erstens möchte ich mich nicht über mein Privatleben auslassen müssen. Kein Wort!“
„Kein Problem. Und?“
„Zweitens möchte ich, dass Sie sich rasieren!“
Mark fährt sich verblüfft übers Gesicht. „ich bin doch rasiert“.
„An den Schamhaaren auch?“
„Nee, meinen Sie das im Ernst?“
„Ja!“
„Das muss ich mir überlegen. Vielleicht bekomme ich zuhause ein Problem, wenn ich plötzlich unten ohne herumrenne“.

Melanie steht pfeifend in der Küche. Hat gerade den Hörer weggelegt. Gut , dass ich Gabi habe. Der kann ich wenigstens etwas erzählen.
„Ob ich ihn an die Wand gepoppt habe?“ Wollte sie wissen. Ganz schön neugierig dieses unbefriedigte Hausmütterchen. Dieser Mark, mein Gott. Der stellt alle in den Schatten. Oh, ich sollte mich beeilen. In einer Stunde möchte der Hausherr speisen. Sie bruzzelt das Essen, ist mit den schwülstigen Gedanken ganz woanders.

Die Nachmittagssonne versucht vergeblich Licht in das halbdunkle Hotelzimmer zu bringen. Die dicken Vorhänge sind nur einen kleinen Spalt geöffnet. Melanie liegt erschöpft in Marks Armen und streichelt seine Brust. „ Mark, ich bin verrückt nach Dir, weißt Du. Seit zwei Monaten sehen wir uns. Jetzt fast jeden Tag. Und es ist jedes Mal ganz anders, immer schöner. Du bist so phantasievoll. Nicht wie die anderen Kerle.“
Der dunkel gelockte Mann schiebt Melanie sanft zur Seite und stützt sich auf seine Ellenbogen. Er schaut sie durchdringend an und sagt beinahe flüsternd:
„Wer ist besser. William, Mark oder ich?
Die Frau, völlig irritiert:
„Wie meinst Du das?“
„Ich bin nicht Mark, ich heiße Josef. Wir sind Brüder, Drillinge, Eineiige. Und jetzt, da wir alle rasiert sind .. .. jetzt sehen wir uns auch unten ähnlich…..“

(nächste Geschichte “ Stromausfall“ hier in diesem Theater)

 

 

 

 

 

 

(34.) Roboter – Liebe

Für Thekla und Willi war das Thema körperliche Liebe lange vor der Silberhochzeit erledigt. Nach zehn Jahren getrennte Betten, fünf Jahre später getrennte Schlafzimmer. Eine endgültige Trennung, gar Scheidung, war für das Paar kein Thema. Sie hatten es mit Seitensprüngen versucht, die verursachten nur Probleme. Und schließlich lebten sie nicht mehr im Mittelalter, sondern in einem hochtechnisierten Zeitalter. Und da gab es Alternativen …

In diesem Fall hieß die Lösung Roboter ….mit Mister Robot hatte die Zukunft begonnen, in Industrie, Haushalt und Kriegsführung waren die programmierte Sklaven längst integriert, der Mensch wird überflüssig …

Wir reisen um die Welt, liegen faul am Strand, während der programmierte Freund(in) das Notwendigste erledigt …….. was bleibt uns Lebewesen wirklich, wenn die Roboter das Dasein dominieren?

Sport und Sex?

Josef und Josephine geben keine Widerworte, sind allzeit bereit (so lange die Batterien aufgeladen sind) und das neueste Modell ist auf die gediegensten sexuellen Praktiken programmiert. Kamasutra – Stellung 126? Kein Problem für diejenigen, die die Gebrauchsanleitung sorgfältig gelesen haben

Und wichtig, immer das richtige Knöpfchen finden ..

Ach ja, Josef ist der Ehefrau zu Diensten, Josephine dem Herrn Gemahl. Die Anschaffung der Roboter – Liebchen hatte das Pärchen zunächst in finanzielle Schwierigkeiten gestürzt, ein feiner Wagen der gehobenen Mittelklasse wäre für die Kohle drin gewesen. Doch die Kosten hatten sich amortisiert … er hätte jede Nacht eine neue Frau im Bett. Thekla nickt zustimmend. Auch sie kam auf ihre Kosten ……

Es gibt übrigens im Angebot auch Billigmodelle. Die muss man selbst zusammenschrauben. Doch wer mit dem Ikea- Regal Schnucki schon seine Probleme hat, der sollte seine Finger davon lassen. Ist wirklich unangenehm, wenn der Billig – Lover sich beim Sex in seine Bestandteile auflöst, Schrauben machen sich selbstständig und wer möchte schon eine im Allerwertesten stecken haben ?

 

(nächste Geschichte “ Rasiert“ demnächst in diesem Theater)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(33.) Staub

Trocken! Ausgedörrt! Kein Windhauch!
Verdammter Staub. Kratzt in der Kehle, kriecht unter
die Haut. Leere Straßen. Wenige Menschen schlurfen
Schatten suchend vorbei. Wasser! Wasser!
Ein Markt, öde, der Barbier schnarcht in der Hängematte
schaukelnd. Damensalon. Schweißspuren auf dem
Antlitz junger Frauen, frisches Make up aufgelegt,
vergebliche Bemühungen um Verschönerung, unter den
Kopftüchern. Gesichter wie Landkarten. Gemüse, Früchte,
Fleisch, Fisch, morgens noch frisch, altern im Minutentakt.
Es stinkt bestialisch unter dem Wellblechdach, Dutzende
Propeller wehren sich verzweifelt. Vergeblicher Aufwand!
Stromausfall!
Ein halbes Dutzend Langnasen irrt auf der Suche nach
Erfrischungen über den beinahe verwaisten Markt der Oase,
die spöttischen Blicke der einheimischen Händler nehmen
die Touristen aus Skandinavien und England nicht wahr.
Deren Begeisterung über das exotische Ambiente ist in
der Hitze verloren gegangen, denn heiße Sonne verbrennt
gerade nackte weiße Haut. Puterrote Gesichter, die Preise
für Wasserflaschen explodieren. Es wird nicht gefeilscht,
sondern gezahlt was verlangt wird.
Der arabische Reiseleiter umkreist seine Meute wie ein
Hütehund eine Schafherde, treibt sie zurück ins klimatisierte
Hotel, bevor noch eine der Langnasen in der Wüste schlapp
macht. Das ist schlecht fürs Geschäft. Er zählt und rechnet
im Foyer nach, will es nicht wahr haben, kratzt sich nervös
am Hintern, es kann doch nicht Allahs Wille sein, dass eine
blonde Schwedin, dieses Vollweib, das selbst der Prophet
Mohammed nicht von der Bettkante gestoßen hätte, wie
vom Erdboden verschwunden zu sein scheint.
….. es sei einfacher die Sterne am Himmel und die Sandkörner
in der Wüste zu zählen, als hier eine verschwundene Frau wieder
zu finden, erklärt unwirsch der herbei gerufene Polizeichef der Oase, gerade aus dem Mittagsschlaf gerissen und verbreitet unter
seinem dreckigen Käppi grenzenlosen Optimismus, ……. es seien
schon öfter junge Frauen, besonders blonde Nordeuropäerinnen in
Nordafrika verschwunden und nie wieder aufgetaucht. Die Tuareg
werden ihre Freude an ihr haben und entweder landet sie später im
Harem eines Scheichs oder in einem Bordell der Kameltreiber,
murmelte er vor sich, c‘ est la vie …….

Zwei Jahre später werden zwei belgische Sahara – Reisende nach
einer Autopanne kurz vor dem Verdursten von einigen Tuareg
auf Kamelen entdeckt und gerettet. Die Karawane bringt sie
zu einer entzückenden Oase, wo Scheich Baba über sein
kleines Volk herrscht. Die Tatsache, dass der Patriarch zwei
Dutzend Ehefrauen um sich geschart hat, ist für einen
reichen Muslimen normal.
Die belgischen Reisenden trauten aber ihren entzündeten, roten
Augen nicht, als unter den Kopftüchern der Damen die eine oder
andere blonde Locke hervorlugte.
Der Herr sei von je her ein großer Bewunderer und Liebhaber
blonder Weiblichkeit gewesen, so habe er in den Jahren diese
große Anzahl an Europäerinnen, zwei Amerikanerinnen wären
auch dabei, um sich geschart, erklärte der Haremswächter hinter vor gehaltener Hand den Besuchern. Natürlich wären die Damen zunächst über ihre Entführung nicht begeistert gewesen …. .
bis sie begriffen haben, dass sie schon zu Lebzeiten im Paradies
angekommen sind. Milch und Honig, Champagner und Lobster
jeden Tag …….

( Nächste Geschichte „Roboter – Liebe“ demnächst in diesem Theater)