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(33.) Staub

Trocken! Ausgedörrt! Kein Windhauch!
Verdammter Staub. Kratzt in der Kehle, kriecht unter
die Haut. Leere Straßen. Wenige Menschen schlurfen
Schatten suchend vorbei. Wasser! Wasser!
Ein Markt, öde, der Barbier schnarcht in der Hängematte
schaukelnd. Damensalon. Schweißspuren auf dem
Antlitz junger Frauen, frisches Make up aufgelegt,
vergebliche Bemühungen um Verschönerung, unter den
Kopftüchern. Gesichter wie Landkarten. Gemüse, Früchte,
Fleisch, Fisch, morgens noch frisch, altern im Minutentakt.
Es stinkt bestialisch unter dem Wellblechdach, Dutzende
Propeller wehren sich verzweifelt. Vergeblicher Aufwand!
Stromausfall!
Ein halbes Dutzend Langnasen irrt auf der Suche nach
Erfrischungen über den beinahe verwaisten Markt der Oase,
die spöttischen Blicke der einheimischen Händler nehmen
die Touristen aus Skandinavien und England nicht wahr.
Deren Begeisterung über das exotische Ambiente ist in
der Hitze verloren gegangen, denn heiße Sonne verbrennt
gerade nackte weiße Haut. Puterrote Gesichter, die Preise
für Wasserflaschen explodieren. Es wird nicht gefeilscht,
sondern gezahlt was verlangt wird.
Der arabische Reiseleiter umkreist seine Meute wie ein
Hütehund eine Schafherde, treibt sie zurück ins klimatisierte
Hotel, bevor noch eine der Langnasen in der Wüste schlapp
macht. Das ist schlecht fürs Geschäft. Er zählt und rechnet
im Foyer nach, will es nicht wahr haben, kratzt sich nervös
am Hintern, es kann doch nicht Allahs Wille sein, dass eine
blonde Schwedin, dieses Vollweib, das selbst der Prophet
Mohammed nicht von der Bettkante gestoßen hätte, wie
vom Erdboden verschwunden zu sein scheint.
….. es sei einfacher die Sterne am Himmel und die Sandkörner
in der Wüste zu zählen, als hier eine verschwundene Frau wieder
zu finden, erklärt unwirsch der herbei gerufene Polizeichef der Oase, gerade aus dem Mittagsschlaf gerissen und verbreitet unter
seinem dreckigen Käppi grenzenlosen Optimismus, ……. es seien
schon öfter junge Frauen, besonders blonde Nordeuropäerinnen in
Nordafrika verschwunden und nie wieder aufgetaucht. Die Tuareg
werden ihre Freude an ihr haben und entweder landet sie später im
Harem eines Scheichs oder in einem Bordell der Kameltreiber,
murmelte er vor sich, c‘ est la vie …….

Zwei Jahre später werden zwei belgische Sahara – Reisende nach
einer Autopanne kurz vor dem Verdursten von einigen Tuareg
auf Kamelen entdeckt und gerettet. Die Karawane bringt sie
zu einer entzückenden Oase, wo Scheich Baba über sein
kleines Volk herrscht. Die Tatsache, dass der Patriarch zwei
Dutzend Ehefrauen um sich geschart hat, ist für einen
reichen Muslimen normal.
Die belgischen Reisenden trauten aber ihren entzündeten, roten
Augen nicht, als unter den Kopftüchern der Damen die eine oder
andere blonde Locke hervorlugte.
Der Herr sei von je her ein großer Bewunderer und Liebhaber
blonder Weiblichkeit gewesen, so habe er in den Jahren diese
große Anzahl an Europäerinnen, zwei Amerikanerinnen wären
auch dabei, um sich geschart, erklärte der Haremswächter hinter vor gehaltener Hand den Besuchern. Natürlich wären die Damen zunächst über ihre Entführung nicht begeistert gewesen …. .
bis sie begriffen haben, dass sie schon zu Lebzeiten im Paradies
angekommen sind. Milch und Honig, Champagner und Lobster
jeden Tag …….

( Nächste Geschichte „Roboter – Liebe“ demnächst in diesem Theater)

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(32.) .. ich will nicht nach Syrien

Als die Sonne aufging lag die Straße in Schutt und Asche.
Großvater Jakob humpelte auf seinem Stock gestützt die
Stufen aus dem Keller hinauf. Er stand wie angewurzelt vor
der Ruine des Hauses. Die Fassade schien im Wind zu
schwanken, als wollte sie sich überlegen, gleich krachend
einzustürzen. Neunzig Jahre hatte Jakob in diesem Haus
verbracht, Geburt, Kindheit, Jugend, erste Ehe, zweite Ehe.
Er hatte hier sterben wollen, wie Eltern und Großeltern zuvor.
Zwei Weltkriege hatte der massive Bau mit kleinen Kratzer überlebt,
jetzt das Ende. Tränen liefen dem alten Mann über das faltige
Gesicht.
Flucht? Wohin? Und warum?
Der Enkelsohn hatte im Keller das wenige Hab und Gut in
Bündel gepackt. Kümmerliche Reste einer ehemals
wohlhabenden Familie.
Familie? Die Bombardements der chinesischen Invasionstruppen
der vergangenen Wochen hatten diese ausgelöscht. Fast. Übrig
geblieben von den sechzehn Mitgliedern der Enkel, die kleine
Schwester, Mutter und Großvater Jakob.
Friedhofsstille lag über der rauchigen Ruinenlandschaft, die einmal
eine der prächtigsten Städte in Ostdeutschland gewesen war. Die
Bewohner aufrechte gute Deutsche, Fremdlinge waren nie wirklich
willkommen gewesen. Jetzt standen sie vor den Toren der Stadt, bis an die Zähne bewaffnete Horden, auch sie wird niemand willkommen heißen …

Opas Blick schweift über die zertrümmerte Straße, kaum ein Mensch zu sehen, die Nachbarn rechts, links und gegenüber tot, und einige hatten sich vorausschauend schon vor Tagen abgesetzt, als der Korridor Richtung Osten noch passierbar war.

„Los, Opa!“
Jakob versuchte vergeblich die gebrechlichen Schultern zu
straffen, während der Enkel ihm den kleinsten Rucksack überstreifte.
Der Junge selbst sah mit dem Riesensack auf dem Rücken und
dem kleineren Teil vor der Brust eher einem Backpacker ähnlich, der
zu einem Trip nach Südostasien aufbricht, als auf der Flucht zu sein.
Dazu kam noch das löcherige von Kugeln durchsiebte Skateboard unter dem Arm.
„ Ich will nicht nach Syrien!“
Elisa, die Schwester, vermisste ihre Lieblingspuppe, ihre beste Freundin aus dem Nachbarhaus.
„ Ich will auch nicht dahin,“ brummte der Bruder, „ aber niemand
will uns haben. Syrien ist das einzige Land, das deutsche Flüchtlinge
noch aufnimmt.“
Er klappte den Rollstuhl geschickt auseinander. Und Opa machte es sich für eine lange Reise bequem. Die Batterie für den Elektromotor
würde ungefähr eine Stunde halten.
Und dann? Opa war es scheiß egal, Hauptsache er durfte im Sitzen
sterben, ob in Damaskus oder in Halle an der Saale …

(nächste Geschichte “ Rasiert“ demnächst in diesem Theater)
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(31.) Bestseller

Seine Finger glitten wie von Zauberhand geführt über dieTastatur.

Noch zwei, drei markante Sätze und Schluss.

Er hätte ein weiteres Buch beendet. Buch ist gut, grinste der

Autor innerlich, verdammt noch mal, schließlich hatte er

gerade die Bibel umgeschrieben. Ach was, neu geschrieben.

Er blickte auf, starrte auf die schwarzen Buchstaben auf

weißem Grund und plötzlich war der Faden gerissen.

Leere im Schädel.

Egal, morgen ist auch noch ein Tag das Werk zu vollenden.

Er klappte den Laptop zu. Der Termin mit der Druckerei

ohnehin am übernächsten Tag. Er erhob sich und blieb vor

dem Regal neben dem Schreibtisch stehen. Die Finger

glitten liebevoll über die fünfundzwanzig Bücher in der

zweiten Reihe. Und das sechsundzwanzigste würde in

wenigen Tagen sein schriftstellerisches Lebenswerk

komplettieren. Der Mann fühlte Stolz und die Portion

Eitelkeit, die ihn wie eine Riesenwelle überflutete, wollte

er gar nicht erst unterdrücken. Verächtlich fiel sein Blick auf

den laufenden Fernsehapparat, zwanzig Jahre alt, Mini

Bildschirm, Bericht über eine Buchmesse, onanierende

selbstgefällige Autoren, Buchpreis für irgendein Lebenswerk.

Er schüttelte sich. Nein, nie, niemals würde er zulassen, dass

seine eigenen literarischen Werke Fremden in die Hände fallen.

Er hatte vorgesorgt, das Haus mit einer Alarmanlage

gesichert, und nach seinem Ableben sollten die sechsundzwanzig

Bücher mit ihm dem Autor gemeinsam verbrannt werden.

Bücher, die die Welt hätten verändern können. Doch diese

Welt war es nicht wert, diese Rassen, Kreaturen, die den

Planeten mit ihren schmutzigen Begierden und Intoleranz

bevölkerten, waren es nicht wert ……

pah, ich habe mir doch nicht die Seele aus dem Leib geschrieben,

um halbnackte in der Sonne badende Touristen am Strand

zu unterhalten ……

er beschloss bald mit der Lektüre seines ersten vor 26 Jahren

geschriebenen Buches zu beginnen.

Mord mit dem Wort“.

An den Titel konnte er sich noch schwach erinnern. Doch

warum ging es da eigentlich?

(nächste Geschichte „..ich will nicht nach Syrien“ demnächst in

diesem Theater)

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(31.) Bestseller

Seine Finger glitten wie von Zauberhand geführt über die
Tastatur. Noch zwei, drei markante Sätze und Schluss.
Er hätte ein weiteres Buch beendet. Buch ist gut, grinste der
Autor innerlich, verdammt noch mal, schließlich hatte er
gerade die Bibel umgeschrieben. Ach was, neu geschrieben.
Er blickte auf, starrte auf die schwarzen Buchstaben auf
weißem Grund und plötzlich war der Faden gerissen.
Leere im Schädel.
Egal, morgen ist auch noch ein Tag das Werk zu vollenden.
Er klappte den Laptop zu. Der Termin mit der Druckerei
ohnehin am übernächsten Tag. Er erhob sich und blieb vor
dem Regal neben dem Schreibtisch stehen. Die Finger
glitten liebevoll über die fünfundzwanzig Bücher in der
zweiten Reihe. Und das sechsundzwanzigste würde in
wenigen Tagen sein schriftstellerisches Lebenswerk
komplettieren. Der Mann fühlte Stolz und die Portion
Eitelkeit, die ihn wie eine Riesenwelle überflutete, wollte
er gar nicht erst unterdrücken. Verächtlich fiel sein Blick auf
den laufenden Fernsehapparat, zwanzig Jahre alt, Mini
Bildschirm, Bericht über eine Buchmesse, onanierende
selbstgefällige Autoren, Buchpreis für irgendein Lebenswerk.
Er schüttelte sich. Nein, nie, niemals würde er zulassen, dass
seine eigenen literarischen Werke Fremden in die Hände fallen.
Er hatte vorgesorgt, das Haus mit einer Alarmanlage
gesichert, und nach seinem Ableben sollten die sechsundzwanzig
Bücher mit ihm dem Autor gemeinsam verbrannt werden.
Bücher, die die Welt hätten verändern können. Doch diese
Welt war es nicht wert, diese Rassen, Kreaturen, die den
Planeten mit ihren schmutzigen Begierden und Intoleranz
bevölkerten, waren es nicht wert ……
pah, ich habe mir doch nicht die Seele aus dem Leib geschrieben,
um halbnackte in der Sonne badende Touristen am Strand
zu unterhalten ……
er beschloss bald mit der Lektüre seines ersten vor 26 Jahren
geschriebenen Buches zu beginnen.
„ Mord mit dem Wort“.
An den Titel konnte er sich noch schwach erinnern. Doch
warum ging es da eigentlich?

(nächste Geschichte “ Ich will nicht nach Syrien“ demnächst in
diesem Theater)
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(31.) Bestseller

Seine Finger glitten wie von Zauberhand geführt über die

Tastatur. Noch zwei, drei markante Sätze und Schluss.

Er hätte ein weiteres Buch beendet. Buch ist gut, grinste der

Autor innerlich, verdammt noch mal, schließlich hatte er

gerade die Bibel umgeschrieben. Ach was, neu geschrieben.

Er blickte auf, starrte auf die schwarzen Buchstaben auf

weißem Grund und plötzlich war der Faden gerissen.

Leere im Schädel.

Egal, morgen ist auch noch ein Tag das Werk zu vollenden.

Er klappte den Laptop zu. Der Termin mit der Druckerei

ohnehin am übernächsten Tag. Er erhob sich und blieb vor

dem Regal neben dem Schreibtisch stehen. Die Finger

glitten liebevoll über die fünfundzwanzig Bücher in der

zweiten Reihe. Und das sechsundzwanzigste würde in

wenigen Tagen sein schriftstellerisches Lebenswerk

komplettieren. Der Mann fühlte Stolz und die Portion

Eitelkeit, die ihn wie eine Riesenwelle überflutete, wollte

er gar nicht erst unterdrücken. Verächtlich fiel sein Blick auf

den laufenden Fernsehapparat, zwanzig Jahre alt, Mini

Bildschirm, Bericht über eine Buchmesse, onanierende

selbstgefällige Autoren, Buchpreis für irgendein Lebenswerk.

Er schüttelte sich. Nein, nie, niemals würde er zulassen, dass

seine eigenen literarischen Werke Fremden in die Hände fallen.

Er hatte vorgesorgt, das Haus mit einer Alarmanlage

gesichert, und nach seinem Ableben sollten die sechsundzwanzig

Bücher mit ihm dem Autor gemeinsam verbrannt werden.

Bücher, die die Welt hätten verändern können. Doch diese

Welt war es nicht wert, diese Rassen, Kreaturen, die den

Planeten mit ihren schmutzigen Begierden und Intoleranz

bevölkerten, waren es nicht wert ……

pah, ich habe mir doch nicht die Seele aus dem Leib geschrieben,

um halbnackte in der Sonne badende Touristen am Strand

zu unterhalten ……

er beschloss bald mit der Lektüre seines ersten vor 26 Jahren

geschriebenen Buches zu beginnen.

Mord mit dem Wort“.

An den Titel konnte er sich noch schwach erinnern. Doch

warum ging es da eigentlich?

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(30.) Otto Normal

Er heißt nicht nur Otto. Er ist auch Einer. Ein Normalverbraucher. Und er ist stolz darauf. Das Leben verläuft in geregelten Bahnen, er bringt ein durchschnittliches Einkommen als Sachbearbeiter einer Versicherung nach Hause. Sein Zuhause, dass ist das schmucke Reihenhaus mit dem gepflegten Vorgarten am Rande der Stadt. Dort wohnt er zufrieden mit Frau und Tochter. Ein kleiner Terrier gehört auch dazu. Und es sind nur noch fünfzehn Jahre, bis die letzte Rate für das Eigenheim bezahlt ist. Sicherheit kommt für Otto an erster Stelle. Er hat alles perfekt geplant. Mit Gisela ist er seit fünfzehn Jahren verheiratet. Für ihn ist sie die perfekte Ehefrau. Sie kocht, wäscht und bügelt, saugt und putzt. Selbst seine pingelige Mutter musste zähneknirschend anerkennen, dass im Haus ihrer Schwiegertochter alles pico bello aussieht. Otto bezahlt auch brav Kirchensteuer. So viel Religion muss sein, hat er beschlossen und besucht zu Ostern und Weihnachten einen Gottesdienst, mit den Schwiegermüttern im Schlepptau. Der Jahresurlaub wird immer akribisch geplant. Obwohl sie seit einem Jahrzehnt nur an die Ostsee fahren. Der selbe Ort, Timmendorfer Strand, die selbe Pension, Strandperle. Auf der Hinfahrt wird stets zwei Tage Station bei Giselas Mutter gemacht.
Gisela ist in den Jahren ein wenig korpulenter geworden, eigentlich schon seit der Geburt der Tochter. Aber sie haben noch Sex. Alle zwei Wochen, zehn Minuten. Immer Sonnabends, gleich nach dem Wort zum Sonntag. Das unterscheidet ihn von vielen seiner Freunde, Skat – und Vereinsbrüder, die keinen Hehl daraus machen, dass Sex mit der eigenen Ehefrau nach so vielen Jahren irgendwie pervers wäre (Zitat Herbert). Und Karl, der beste Freund, formulierte gar drastisch, dass er ein altes aufgebackenes Brötchen gerade einmal im Jahr verspeisen könnte. Aber Otto hat für die zahlreichen Seitensprünge seiner Männerfreunde überhaupt kein Verständnis. Und Bordellbesuche? So etwas ist in seinem Finanzplan nicht vorgesehen. Dafür ist er zu geizig.
Dabei ist es doch für einen normalen Mann heutzutage nicht immer einfach, Versuchungen zu widerstehen. Frauen sind überall. Sie lauern am Arbeitsplatz, beim Shopping, Sport, im Urlaub, nach dem Kino und Theater, in Bars und Kneipen. Aber Otto trotzt allen Anfechtungen, vermutlich nimmt er sie gar nicht wahr.
Den müssen wir mal von seinem hohen Ross herunterholen, ist die übereinstimmende Meinung der Kollegen. Um die Rolle des treuen Ehemanns, die Otto mit einer unerträglichen Arroganz spielt, zu erschüttern, legen die Freunde des Kegelsports großzügig zusammen. In diesem Jahr fährt der Klub, Otto ist Kassenwart, für ein feuchtfröhliches Wochenende in den Harz. Typische Männerrunde, aber unten im Hotel gibt es eine Tanzbar. Die Herren haben einen hinterhältigen Plan geschmiedet, sie buchen für diesem Abend eine junge, attraktive Frau aus der Großstadt, die an der Bar ganz zufällig neben Otto platziert wird. Sie verwickelt ihn raffiniert, natürlich rein zufällig, in ein Gespräch, zeigt unbekümmert ihre optischen Vorzüge und verdreht innerhalb kurzer Zeit dem Vorzeige – Ehemann derart den Kopf, dass er plötzlich und ohne Vorwarnung mit der Dame – vermutlich war sie nicht wirklich eine – so flink auf seinem Zimmer verschwindet, dass von beiden noch nicht einmal eine Staubwolke zu sehen ist. Das Gelächter groß. Die Herren trinken sich zu und Herbert meint nicht mehr ganz nüchtern vielsagend:
„ So weit das Thema Treue. Alles Heuchelei. Sie ist nichts anderes als ein Mangel an Gelegenheit. Prost!“
Wieder daheim ändert Otto umgehend seinen Finanzplan. Es gibt jetzt einen Posten für außergewöhnliche Ausgaben ……..

f1100041

(29.) Der Journalist

Der junge Mann war engagiert, voller Zuversicht, das
im Journalismus die Zukunft lag.Schreiben würde
fortan sein Leben bestimmen.Er wollte enthüllen,
den Finger in offene Wunden legen. Und später,
natürlich auch eine Menge Geld verdienen.
Aufgewachsen in diesem kleinen, armen
Land in Südostasien, dessen Regierungsformen gleich
anderen Schwellenländern, ob sie nun offiziell
als Königreich oder Republik betitelt werden, allesamt
als Kleptokratien bezeiohnet werden. Korruption ist eine
andere zutreffende Vokabel. Denn der angehende
Journalist war es leid Tagtäglich immer wieder für
nichts und wieder nichts zur Kasse gebeten zu werden.
Die Uniformen von Polizei, Zoll und Armee haben hier sehr
weite Taschen, werden nur noch von der faulen Bande der
Regierung übertroffen. Diese haben das Raffen
zu einer Wissenschaft gemacht, derweil die Armen immer
ärmer werden. Und genau dagegen wollte der
Jungredakteur angehen.
Die erste feste Anstellung bei der Sunday Post, allerdings
für einen enttäuschenden Hungerlohn, sollte nicht nur sein
Einstieg, sondern auch das Sprungbrett für seine Karriere
werden. Er schrieb kleine Artikel und Meldungen, recherchierte
nebenbei wie verrückt. Stolz legte er dem Chefredakteur
nach einigen Wochen diese umfassende Reportage über
die Korruption im Land vor. Der hatte die dicht bedruckten
Seiten mit ausdrucksloser Miene überflogen, kurz genickt
und ein „Gut gemacht!“ gemurmelt. Er würde bald von
sich hören lassen.
Die Wochen gingen ins Land. Es tat sich nichts. Gar
nichts, denn auch die zugesagte Erhöhung des
monatlichen Obulus blieb aus. Im Gegenteil, noch mehr
Abzüge ließen unerklärlich sein ohnehin karges
Gehalt schrumpfen. Der Chefredakteur hatte angeblich
nie Zeit für ihn.
Irgendwann ließ der junge Mann seinen
Frust bei einer Tasse Kaffee mit einem erfahrenen Kollegen
heraus. Merkwürdig. Dieser war nur selten in der Redaktion
anzutreffen, auch suchte man irgendetwas Geschriebenes
von ihm vergeblich im Blatt. Auch das er ein großes Haus
bewohnte, eine Luxuslimousine sein Eigen nannte, kam
dem frustrierten Jungjournalisten eigenartig vor.
„ Irgendetwas mache ich verkehrt,“ maulte er, griff in die
Tasche und übergab dem Älteren das Manuskript.
Nach zwei weiteren Tassen Kaffee hatte dieser die
Reportage überflogen.
„ Sehr gut! Du hast das Übel in diesem Land sehr gut
auf den Punkt gebracht,“ lobte er. Nach einer kurzen
Pause grinste er, die schmalen Augenschlitze in dem
fetten Gesicht wurden noch schmaler.
„ Diese Story wird nie publiziert werden, mein Junge,
nicht in dieser Zeitung, nicht in diesem Land, “ merkte er
dann trocken an.
„ …. aber “.
„Nichts aber“, fuhr der Ältere den Jüngeren über den Mund.
„ Sei nicht so naiv. Die Post wird von der Regierung kontrolliert,
wie alle anderen Medien auch. Die werden sich nicht in den
eigenen Hintern treten und einen solchen Artikel veröffentlichen.
Du könntest ihn im Ausland anbieten oder im Internet posten,
dann solltest du aber auch gleich das Land verlassen, denn
sonst werden sie dich einsperren. Die fackeln nicht lange,
gehen über Leichen, wenn es an Ihre Pfründe geht.“
Bei 38 Grad im Schatten lief es dem jungen Mann
abwechselnd kalt und heiß über den Rücken. Da purzelte
gerade sein ganzer Idealismus wie eine Lawine den Berg
herunter …., doch bevor er einen klaren Gedanken
fassen konnte, sagte sein Gegenüber, es klang eher wie
ein Befehl:
„ Geh zum Chef, bitte um eine Verdoppelung deiner Bezüge!“
Erst erstaunt, dann überfiel ihm die Erkenntnis wie Schuppen
aus den Haaren, denn der junge Journalist war naiv, wie viele
engagierte Menschen, aber nicht dumm, ……
„ …. oh ja, ich verstehe und die Reportage werfe ich in
den Shredder.“
Der kurze Dicke lachte ungeniert, es klang eher wie
ein Wiehern, …….
„ Ich sehe, wir haben uns verstanden, mein Freund.
Gegen die Korruption anzukämpfen bringt nichts, das
haben schon ganz andere versucht und sind gescheitert,
nein, du musst sie benutzen.“
So wie du, du fettes Schwein, dachte der junge Mann,
abkassieren ohne eine Zeile zu schreiben.

Es dauerte nicht sehr lange, nur einige Wochen,
dann hatte er seinen Idealismus über Bord geworfen.
Ein größeres Auto zu fahren, in einer fetten Villa zu wohnen,
und jede Menge Freundinnen zu haben, war jedenfalls
besser, als im Knast zu verschimmeln.
An Schlimmeres mochte er gar nicht denken …..
(nächste Geschichte „ Otto Normal“ demnächst in diesem Theater)